• Merfyn

Engel oder doch nicht?


Bis zum heutigen Tag wusste ich nicht, wie schwierig es ist den obersten unter den Engeln an meinen Tisch zu bekommen. Da er sich gegenwärtig weigert zu mir zu kommen ist es wie beim Propheten und dem Berg. Kommt das eine nicht zum anderen, muss sich das andere – in dem Fall ist das meine Wenigkeit – dazu bemühen den einen aufzusuchen.

„Merfyn.“

Ja, die Begrüßung ist so frostig wie eh und je. Mich schreckt das nicht ab. Scheint allerdings so zu sein, dass mir der werte Engel keinen Stuhl anbieten will und Platz auf seinem Tisch möchte er auch nicht schaffen.

„Na, wie geht’s dir, Azrael?“

„ … “

Schweigen scheint eine generelle Krankheit unter den Himmelswesen zu sein. Versuchen wir dennoch unser Glück.

„Was die Leserschaft sicher interessieren wird ist das Buch, welches hier vor dir liegt. Kannst du ihnen mehr darüber erzählen?“

„Eine Geschichtsstunde demnach?“

„J… Hey, wir fangen nicht schon wieder mit Gegenfragen an! Das war in der letzten Zeit bei allen anderen anstrengend genug!“

„Schön. Ich bin so frei und übe Nachsicht mit dir. Es bleibt lediglich die Frage wie lange diese anhält. Übertreibe es demnach nicht. Um auf deine Frage zurückzukommen: Es handelt sich hierbei um das Buch von Leben und Tod. Jede Geburt wird von mir aufgelistet und sobald die Person stirbt streiche ich ihren Namen wieder heraus. Ein ewiger Kreislauf, der eine gewisse Monotonie mit sich führt und für deren Aufgabe auch nicht jeder geschaffen ist.“

„Kann ich mir vorstellen. Die Gegend, die du dir in „Die Engel des Todes“ ausgesucht hast wirkt ja auch nicht gerade sehr berauschend. Wie kam es dazu?“

„Wie? Nun, du hast mir den Platz in Rom vor der Nase weggeschnappt. Die Autorin hatte einen Ort dort für mich im Sinn. Allerdings kennen wir mittlerweile ihre Unberechenbarkeit. Dich in das Herz der Kirche zu schicken und dort für Unruhe zu sorgen schien ihr mehr gelegen zu sein, als die Sache mit Vernunft anzugehen. Ich hätte es von ihr schriftlich verlangen sollen. Heute bin ich klüger, das hat sie dennoch nicht davon abgehalten mich an Orte zu entsenden, die kein gewöhnlicher Mensch je aufgesucht hätte.“

„Ja, aber du bist weder ein Mensch noch gewöhnlich. Erzähl mal, wie ist die Verantwortung über eine kleine Gruppe von Engeln? Wie darf man sich das vorstellen?“

„Du willst wissen, wie die Toten den jeweiligen Engeln zugelost werden, nicht wahr? Es handelt sich dabei um eine Rechnung, die sich aus dem Geburtsdaten des Sterbenden und jenen der Todesengel errechnet. Die Querschnittsumme, die beiden Daten am nächsten liegt, gibt vor, welcher Engel für welchen Menschen zuständig ist.“

„Du willst mich verarschen, Azrael!“

„Ist es gelungen?“

„Idiot. Komm schon, wie funktioniert es tatsächlich?“

„Es ist wie ich sagte, Merfyn. Der Vorgang mag weit komplexer sein, aber die Antwort würde auch bei der hundertsten Frage gleich ausfallen. Es ergibt sich aus den Eckdaten. Daran ist nicht zu rütteln.“

„War das Gottes grandiose Idee?“

„Mir scheint du hast die Handlung des Buches nicht gelesen oder du verdrängst gerade sehr erfolgreich seine Abneigung gegen uns.“

„’tschuldigung. Hab ich ganz vergessen. Kommen wir zu einer anderen Sache. Die Story an sich. Du hast angedeutet, dass es dir lieber gewesen wäre, wenn die Autorin die Sache mit mehr Vernunft angegangen wäre. Gibt es einige Stellen die dir grundsätzlich nicht zugesagt haben?“

„Es waren vielmehr gewisse Entwicklungen. Ich spreche hier nicht mal im Speziellen von deiner – die ohnehin absurd anmutet. Vielmehr hätte ich mir erwartet, dass die Kirche an sich anders reagiert hätte.“

„Mitfühlender?“

„So kann man es gerne bezeichnen. Insbesondere der Umstand, dass Vincent eine alleinige Verantwortung erhielt bereitete mir Magenschmerzen. Ich muss gestehen, ich ging davon aus einen Anruf von ihm zu bekommen, in dem er um Hilfe bat. Andererseits hätte ich es in Anbetracht seiner Vergangenheit besser wissen müssen. Er war nie einer der sich ein Blatt vor den Mund genommen hat und an manchen Tagen beneidete ich ihn um diese Fähigkeit.“

„Du bist ja auch nicht gerade die Zimperlichkeit in Person. Immerhin warst du bereit Evy zu opfern, statt meine Hilfe anzunehmen. Wie kam das? Du hättest eigentlich froh über den Umstand einer Unterstützung sein müssen.“

„Es war eine Widernatürlichkeit. Allerdings kann ich nicht abstreiten zu erkennen, dass gerade diese Widersprüche wohl für die Leserschaft den Reiz ausmacht.“

„Du hast sicher den heutigen Blogtitel gelesen. Jetzt mal ganz ehrlich, seid ihr Engel des Todes wirklich Geschöpfe Gottes oder doch eher Dämonen?“

„ … “

„Ist die Frage unverständlich?“

„Keineswegs. Mir ist lediglich unbegreiflich auf was du hinaus willst, Merfyn?“

„Ach komm, das weißt du ganz genau. Ist ja nicht so, als wäre es mit euch in dem Band vorbei.“

„Nun, das trifft wohl auf einige von uns zu. Dennoch ist es eine Frage über die ich mir bisher nie Gedanken gemacht habe. Gott mag uns nicht lieben, aber als Dämon würde ich mich nicht bezeichnen.“

„Du kannst aber auch nicht abstreiten, dass du deine Leute geradewegs aus dem Himmel heraus angestellt hast.“

„Du warst auch kein Heiliger bei deinem Tod, Merfyn. Es ist eigentlich egal, was oder wer genau wir sind. Letztlich beginnen wir alle unsere Reise in diesem Buch und sie endet auch hier.“

Bei den Worten drängt sich mir die Überlegung auf, ob Azrael von der Story unserer Autorin spricht oder vielmehr von seinen eigenen Büchern, die er zu führen hat. Sein Blick macht eindeutig klar, dass er sich nicht weiter unterhalten möchte. Ich bin selten ein Dämon, der dem widerspruchslos nachgibt, aber die Umgebung ist mir zum einen zu unwirklich und zudem hat mir Azrael gerade einen tieferen Einblick in seine Seele gewährt, als ich für möglich gehalten hätte. Reizen wir dieses erste gute Verhältnis also nicht länger aus und ziehen uns vornehm zurück. Zumal wir sicher noch die Gelegenheit bekommen und Azrael …

„Das wagst du jetzt aber nicht, Merfyn!“

„Ist ja gut, verdammt. Dann sage ich eben nicht, dass du in einem der anderen Bücher … Au, au, au. Hör auf! Au.“

Ich muss mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Merfyn ist gegenwärtig nicht fähig länger zu schreiben. Seid jedoch unbesorgt, bis zur kommenden Woche wird er den Arm wieder bewegen können. Die paar Zähne weniger werden ihm am Fragenstellen schon nicht hindern. Vielleicht lernt dieser kleine, aufmüpfige Dämon jetzt endlich mal, dass er sich an die Richtlinien dieses Blogs zu halten hat.

Ich verabschiede euch damit in den Mittwoch.

Der Engel des Todes Azrael

#Merfynfragt

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